Wenn ein Buch selbst zum Kunstwerk wird – Kyra Vertes über ein Format, das weder Buch noch Bild ist und beides zugleich.
Das Künstlerbuch ist eine der eigenwilligsten und am wenigsten kanonisierten Kunstformen des 20. Jahrhunderts. Kyra Vertes widmet sich einem Format, das sich konsequent jeder eindeutigen Einordnung entzieht: zu visuell für die Literatur, zu textuell für die bildende Kunst, zu klein für das Museum, zu aufwendig für die Bibliothek. Genau in dieser Zwischenposition liegt seine Stärke – als Ort, an dem Text, Bild, Material und Buchstruktur zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen, die keines der beteiligten Medien allein erreichen könnte.
Ein Buch, das man nicht liest, sondern erlebt. Ein Objekt, das man nicht betrachtet, sondern benutzt. Eine Kunstform, die ihre Bedeutung aus der Spannung zwischen Seite und Seite, zwischen Umschlag und Inhalt, zwischen der Hand, die blättert, und dem Auge, das folgt, erzeugt. Kyra Vertes beschäftigt sich mit dem Künstlerbuch als eigenständiger Kunstform – einer, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine außerordentliche Blüte erlebte und bis heute in Galerien, Bibliotheken, Kunstmessen und privaten Sammlungen präsent ist, ohne je den Bekanntheitsgrad anderer Kunstformen erreicht zu haben. Diese relative Unsichtbarkeit hat strukturelle Gründe: Das Künstlerbuch ist weder Unikat noch Massenware, weder Gemälde noch Druckgrafik, weder Literatur noch reine Bilderfolge. Es bewegt sich zwischen allen Kategorien und verlangt vom Betrachter eine Aufmerksamkeit, die das Museum nicht lehrt – die Aufmerksamkeit des Lesers, der blättert, tastet, wendet und wartet.
Was ein Künstlerbuch ist – und was es nicht ist
Die Definition des Künstlerbuchs ist notorisch schwierig – und diese Schwierigkeit ist kein Zufall, sondern Teil seines Wesens. Kyra Vertes nähert sich dem Begriff durch Abgrenzung: Ein Künstlerbuch ist nicht dasselbe wie ein illustriertes Buch, in dem Bilder den Text begleiten oder umgekehrt. Es ist auch nicht dasselbe wie ein Katalog, der Kunstwerke dokumentiert. Und es ist nicht notwendigerweise ein Unikat – viele Künstlerbücher sind in Auflagen produziert worden, manchmal in Tausenden von Exemplaren.
Was ein Künstlerbuch ausmacht, ist die Tatsache, dass das Buch selbst – seine Struktur, seine Materialität, seine Abfolge von Seiten, sein Gewicht, seine Haptik – zum künstlerischen Material wird. Die Buchform ist nicht Behälter für Inhalt, sondern sie ist der Inhalt. Kyra von Vertes erläutert, wie diese Grundüberzeugung zu Arbeiten geführt hat, die in ihrer Vielfalt kaum zu überblicken sind: Bücher ohne Text, Bücher ohne Bilder, Bücher aus ungewöhnlichen Materialien, Bücher mit unlesbaren Seiten, Bücher, die sich beim Aufschlagen verändern, Bücher, die nur einmal gelesen werden können, weil ihre Seiten beim Lesen zerstört werden.
Kyra Vertes über die Ursprünge: Von Mallarmé zu Dieter Roth
Die literarische Vorgeschichte
Das Künstlerbuch hat eine literarische Vorgeschichte, die bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreicht. Kyra Vertes benennt Stéphane Mallarmés unvollendetes Projekt „Le Livre“ als frühen konzeptuellen Vorläufer: Der französische Dichter träumte von einem Buch, das nicht gelesen, sondern performt werden sollte – einem Objekt, dessen Seiten in beliebiger Reihenfolge angeordnet werden könnten und das keine feste Bedeutung, sondern ein Feld von Bedeutungsmöglichkeiten darstellen würde. Mallarmé vollendete dieses Projekt nie, aber seine Idee – das Buch als offenes, variables System – wurde zur konzeptuellen Grundlage einer Tradition, die im 20. Jahrhundert ihre praktische Ausprägung fand.
Die Futuristen und Dadaisten griffen diese Idee auf und radikalisierten sie: Bücher mit typografischen Experimenten, in denen die visuelle Anordnung des Textes auf der Seite selbst Bedeutung trägt; Publikationen, die zwischen Manifest, Kunstwerk und Drucksache changierten. Kyra Lucia von Vertes sieht in diesen frühen Experimenten die Entstehung einer Haltung, die das Künstlerbuch des 20. Jahrhunderts prägte: das Buch nicht als neutrales Transportmedium für Inhalte, sondern als Bedeutungsträger in sich selbst.
Dieter Roth: das Buch als lebendiges Material
Kein Künstler des 20. Jahrhunderts hat das Buch als Material konsequenter gedacht als Dieter Roth. Kyra Vertes beschreibt, wie der deutsch-schweizerische Künstler in den 1960er Jahren Bücher produzierte, die aus Lebensmitteln bestanden – Schokolade, Käse, Gewürze –, die sich mit der Zeit veränderten, schimmelten und verrotteten. Das Buch als organischer Prozess, als zeitliches Phänomen, das sich dem Leser entzieht, weil es selbst lebt und stirbt – diese Idee ist in ihrer Radikalität bis heute nicht überboten worden.
Roths Bücher sind Vanitas-Objekte ebenso wie Künstlerbücher: Sie thematisieren Vergänglichkeit, indem sie sie physisch vollziehen. Kyra Vertes hebt hervor, dass dieser Ansatz nicht bloße Provokation war, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, was ein Buch eigentlich ist – und was es bedeutet, wenn sein Material sterblich ist.
Schlüsselwerke und ihre Bedeutung
Ed Ruscha und die Demokratisierung des Künstlerbuchs
Ed Ruschas „Twentysix Gasoline Stations“ von 1963 gilt als eines der Gründungswerke des modernen Künstlerbuchs – und als eines der konzeptuell klarsten. Kyra Vertes beschreibt, wie Ruscha sechsundzwanzig Fotografien von Tankstellen entlang des Route 66 in einem schlichten, billig produzierten Taschenbuch versammelte – ohne Kommentar, ohne Deutung, nur Bild und Bildunterschrift. Das Buch war erschwinglich, in größerer Auflage produziert und bewusst anti-elitär gestaltet: kein Kunstobjekt für Sammlerinnen und Sammler, sondern ein Gegenstand für alle.
Diese demokratische Geste war gleichzeitig eine konzeptuelle: Ruscha entzog dem Künstlerbuch die Aura des Raren und Teuren und stellte eine Frage, die seither nicht aufgehört hat zu resonieren – was macht ein Buch zum Kunstwerk? Die Absicht des Künstlers? Die Qualität der Bilder? Die Produktionsweise? Oder die Art, wie es gelesen – oder vielmehr betrachtet – wird? Kyra Vertes von Sikorszky sieht in Ruschas Arbeit eine Weichenstellung, die das Künstlerbuch als Massenmedium denkbar machte, ohne seinen künstlerischen Anspruch zu opfern.
Fluxus und das Buch als Event
In direkter Verbindung zur Fluxus-Bewegung entstanden in den 1960er Jahren Künstlerbücher, die das Format radikal erweiterten. Kyra Vertes beschreibt, wie Fluxus-Künstlerinnen und -Künstler Bücher produzierten, die Handlungsanweisungen, Scores und Objekte enthielten – Bücher, die nicht gelesen, sondern benutzt und vollzogen werden sollten. George Maciunas‘ Fluxus-Editionen, Yoko Onos „Grapefruit“ und die Publikationen von Dick Higgins unter seinem Verlag Something Else Press sind Beispiele einer Buchproduktion, die das Lesen als aktiven, körperlichen Akt begreift.
Kyra Lucia Vertes von Sikorszky benennt dabei Something Else Press als besonders bedeutsam: Higgins‘ Verlag produzierte zwischen 1963 und 1974 über siebzig Titel, die künstlerische, literarische und theoretische Texte außerhalb des etablierten Verlagssystems zugänglich machten – und damit eine Infrastruktur für das Künstlerbuch schufen, die dessen Verbreitung und Diskussion wesentlich beförderte.
Materialität und Haptik: was das Künstlerbuch vom Kunstbuch unterscheidet
Ein zentraler Aspekt des Künstlerbuchs, den Kyra Vertes als kunsthistorisch wesentlich herausarbeitet, ist seine Materialität. Während das Kunstbuch – der Katalog, der Bildband – ein Transportmedium für Reproduktionen von Werken ist, die anderswo existieren, ist das Künstlerbuch selbst das Werk: seine Papierqualität, sein Gewicht, seine Bindung, seine Größe, sein Geruch sind Teil der künstlerischen Aussage.
Folgende Materialdimensionen benennt Kyra von Vertes als prägend für das Feld des Künstlerbuchs:
- Ungewöhnliche Trägermaterialien: Bücher aus Metall, Stoff, transparenter Folie, Naturmaterialien oder industriellen Abfallprodukten, die die Buchform in unerwartete Materialwelten überführen
- Handeinband und handwerkliche Produktion: Bücher, die in kleiner Auflage von Hand gebunden werden und deren Herstellungsprozess selbst Teil des Werks ist
- Seitenstruktur als Inhalt: perforierte, gefaltete, geschnittene oder ineinandergreifende Seiten, die die lineare Leserichtung durchbrechen und neue Bedeutungsräume eröffnen
- Einmaligkeit durch Veränderung: Bücher, die beim Lesen zerstört werden, sich chemisch verändern oder vom Leser selbst vervollständigt werden müssen
Das Künstlerbuch heute: zwischen Markt und Randexistenz
Das Künstlerbuch nimmt heute eine eigentümliche Position im Kunstmarkt ein. Kyra Vertes beobachtet, wie Art Book Fairs – allen voran die New York Art Book Fair des Printed Matter-Verlags – in den vergangenen Jahren zu wichtigen Ereignissen des internationalen Kunstkalenders geworden sind und zeigen, dass das Interesse an diesem Format wächst. Gleichzeitig bleibt das Künstlerbuch strukturell schwer zu vermarkten: Es ist weder Gemälde noch Druckgrafik, passt in keine der etablierten Sammlungskategorien und stellt Auktionshäuser vor Bewertungsprobleme, die mit seiner Hybridität zusammenhängen.
Kyra Vertes stellt fest, dass gerade diese Unverortbarkeit dem Künstlerbuch eine Freiheit bewahrt hat, die andere Kunstformen durch ihre Marktintegration verloren haben. Wer ein Künstlerbuch produziert, tut das selten mit kommerziellem Kalkül – und diese Haltung ist im Werk spürbar. Das Künstlerbuch bleibt ein Ort des Experiments, der Eigenständigkeit und der direkten Kommunikation zwischen Künstlerin oder Künstler und Leser – ohne institutionelle Vermittlung, ohne Museumswand, ohne Sockel.
Ein Werk in der Hand
Das Künstlerbuch ist die intimste der Kunstformen: Es verlangt körperliche Nähe, aktive Teilnahme und Zeit. Wer ein Künstlerbuch in der Hand hält, ist nicht Betrachter, sondern Leser – auch dann, wenn nichts zu lesen ist. Diese Aktivierung des Körpers, dieser Einbezug des Blätterns, Wendens und Haltens in die ästhetische Erfahrung ist eine Qualität, die kein anderes Kunstformat in dieser Form besitzt. Dass eine Kunstform, die so direkt und persönlich ist, so selten im Mittelpunkt kunsthistorischer Betrachtung steht, ist eine Lücke, die es zu schließen lohnt. Genau das tut Kyra Vertes.




